Handwerk

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Restaurierung des „Tauberbischofsheimer Altars“
Strahlende Farbigkeit unter nachgedunkelten Retuschen



Die Restaurierung eines bedeutenden Gemäldes ist ein extrem sensibler und aufwendiger Vorgang. Selbst die Fachleute in großen Museen, die in Sachen Know-how und Technik bestens ausgestattet sind, brauchen manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte dafür. In der Karlsruher Kunsthalle findet derzeit mit der Restaurierung des „Tauberbischofsheimer Altars“ von Matthias Grünewald so ein Mammutprojekt statt. In einer ungewöhnlichen Ausstellung kann man bis 15. Juni den Fortschritt der Arbeiten verfolgen.

Die Karlsruher Kunsthalle erwarb im Jahr 1900 den sogenannten „Tauberbischofsheimer Altar“ von Mathis Gothart Nithart, genannt Matthias Grünewald (ca. 1475-1528). Dieser besteht aus den Gemälden „Die Kreuztragung Christi“ und „Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes“, die ursprünglich Vorder- und Rückseite einer einzigen, 1883 jedoch gespaltenen Tafel bildeten. Seit nunmehr über 100 Jahren sind sie eine viel bewunderte Hauptattraktion der Karlsruher Sammlung.

Unsachgemäße Maßnahmen

Die Tafel mit den um 1525 entstandenen Gemälden stand, wie zu vermuten ist, frei und ohne seitliche Flügel in der Tauberbischofsheimer Stadtkirche St. Martin, am Eingang zum Chor. Schlechte konservatorische Bedingungen führten zu erheblichen Schäden, insbesondere bei der „Kreuztragung“, die durch unsachgemäße Restaurierungsmaßnahmen noch verstärkt wurden. Die Spaltung der Tafel und die sich anschließende Übermalung großer Partien der „Kreuztragung“ erscheinen aus heutiger Sicht überaus problematisch. Großflächige, erheblich nachgedunkelte Retuschen und Übermalungen überdecken seitdem etwa 50 Prozent des Gemäldes. Sie wurden ohne Berücksichtigung vorgegebener Formen ausgeführt und stören als dunkle formlose Flecken. Damit erschweren sie die Lesbarkeit der Darstellung und verfälschen die Bildaussage.
Kittungen ehemaliger Malschichtausbrüche mit unpassender Struktur fügen sich nicht in die sie umgebende Malerei mit ihrer charakteristischen Oberfläche ein. Anstelle eines Firnisüberzugs ist das Bild von einem komplexen Gemisch aus harzigen, öligen und wachsigen Komponenten, in denen als Hauptbestandteil große Mengen von Copaivabalsam enthalten sind, bedeckt. Ein verschmutzter und ungleichmäßig dick aufgetragener Wachsüberzug liegt über dem Gemälde und erzeugt einen sehr unterschiedlichen Oberflächenglanz. Grünewalds leuchtende Farbigkeit lässt sich unter diesem dunklen „Filter“ nur noch erahnen.

Empfindliche Farbpartien

1994 begann eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Zustand des „Tauberbischofsheimer Altars“. Die Entscheidung zur Restaurierung der „Kreuztragung“ basiert auf überraschend positiven Ergebnissen, denn es ist sehr viel mehr Originalsubstanz erhalten als zuvor erwartet. 2003 begann die eigentliche Restaurierung, die bis heute in den Händen von Diplom-Restauratorin Karin Achenbach-Stolz liegt.
Die Freilegung des Gemäldes bedeutet einen erheblichen Gewinn an originaler Malerei von hervorragender Qualität und guter Erhaltung. Modellierungen, Konturen und Lichthöhungen vermitteln den Eindruck einer lockeren Pinselführung und zügigen Malweise. Sichtbar wird ein schwach ausgeprägtes Farbrelief mit feinem Pinselduktus. Copaivabalsam und Terpentinöl wirken erweichend auf getrocknete Ölfarben – ein Schaden, der sich nicht rückgängig machen lässt. Aus diesem Grund besitzt die Malschicht heute eine verminderte und ungenügende Stabilität gegenüber organischen Lösungsmitteln, die zum Entfernen der Übermalungen benötigt werden. Die Empfindlichkeit ist in verschiedenen Farbpartien, mitunter sogar innerhalb einer Farbpartie, unterschiedlich. Lösungsmittel in flüssiger Form wirken nicht allein an der Oberfläche, sondern dringen stets mehr oder weniger tief in ein Malschichtgefüge ein. Sie können – wie im Fall des „Tauberbischofsheimer Altars“ – auch tiefer liegende Schichten anlösen.
Auf Anraten von Naturwissenschaftlern des Münchner Doerner Instituts wird deshalb mit zu Pasten verdickten Lösungsmitteln gearbeitet. Solche Gele haben den Vorteil, nicht in das Malschichtgefüge einzudringen. Sie entfalten ihre Wirkung an der Oberfläche und sind damit leichter kontrollierbar. Obwohl diese Methode praktikabel ist, lassen sich die Übermalungen in Abhängigkeit von der Schichtstärke und ihrer Farbzusammensetzung selten vollständig lösen. Häufig ist daher unterstützend das mechanische Abtragen mit einem Skalpell notwendig. Die Maßnahmen müssen sehr vorsichtig und bei 4o-facher stereomikroskopischer Vergrößerung erfolgen, um Beschädigungen der Malschicht auszuschließen.

Korrektur früherer Fehler
Unter diesen Umständen schreitet der Arbeitsprozess nur langsam voran. Bisher sind rund 25 Prozent des Gemäldes, darunter besonders problematische Partien, freigelegt. Noch viel Arbeit bleibt zu tun: Auf die Freilegung werden die Bearbeitung der Kittungen und das Retuschieren der Fehlstellen folgen. Zur Beschleunigung der gewiss noch einige Jahre in Anspruch nehmenden Arbeiten bemüht sich die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe um zusätzliches Personal. Dazu ist die finanzielle Unterstützung von Stiftungen und privaten Geldgebern nötig und erwünscht. Die Werner Stober-Stiftung, Karlsruhe, hat bereits substanzielle Hilfe geleistet, die Kulturstiftung der Länder wird demnächst über die Gewährung von Zuschüssen befinden.
Die einzigartige Ausdruckskraft der Werke Grünewalds ist wesentlich bestimmt durch ihre farbliche Gestaltung. Alterung, mangelnde Sorgfalt und Pflege sowie verfehlte Restaurierung haben sie deutlich getrübt, doch werden die jetzt teils schon durchgeführten, teils erst geplanten Maßnahmen zu einer Annäherung an die ursprüngliche Ausstrahlung führen. Eine Vorstellung vom zukünftigen Aussehen der Kreuztragung geben Detailaufnahmen bereits freigelegter Stellen mit digital angebrachtem Retuschenschritt

Präsentation des aktuellen Standes

In einer konzentrierten Ausstellung wird der Öffentlichkeit jetzt ein Zwischenstand präsentiert, der einen Vergleich freigelegter und nicht freigelegter Partien ermöglicht und dabei deutlich macht, wie sehr sich die mühseligen Arbeiten lohnen: Zum Vorschein kommt eine strahlende Farbigkeit, die einen neuen Eindruck von Grünewalds spätem Passionsbild, einem Hauptwerk deutscher Kunstgeschichte, gibt. In der Ausstellung zu sehen sind neben den beiden Originalgemälden des Tauberbischofsheimer Altars erläuternde Texte und Bilder zu den Restaurierungsmaßnahmen. Ein 15-minütiger Film informiert zusätzlich über Hintergründe und Methoden der Restaurierung.

kh



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