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Vergessene Techniken der Fotografie
Günther Wilhelms Zauberkiste

In der Werkstatt des Künstlers Günther Wilhelm sieht es aus wie im Labor eines Chemikers. In den Regalen stehen Gläser mit geheimnisvollen Ingredienzien, Flüssigkeiten in unterschiedlichen Farben, daneben Dosen mit geheimnisvollen Pulvern, im Raum verteilt verschiedene Radierpressen und andere Geräte, deren Funktion verborgen bleibt. Dazwischen liegen Steine für die Lithographie, die für den Druck vorbereitet sind. In der Ecke befindet sich ein Becken für die Entwicklerflüssigkeit. Und auch der Künstler selbst wirkt ein bisschen wie Dr. Faustus, der nach der geheimnisvollen Formel sucht, die es ihm ermöglicht, aus all diesen Substanzen Gold zu machen.

Etwas ist dran an dieser Vorstellung, denn Wilhelm macht ja tatsächlich Gold, allerdings im übertragenen Sinne, denn eigentlich macht er Kunst, vorwiegend Druckgrafik. Als einer der wenigen, die dieses Fach noch beherrschen, beschäftigt er sich mit Edeldrucken. Dies sind Entwicklungsmethoden der Fotografie, wie sie im 19. Jahrhundert gebräuchlich waren und heute, außer im künstlerischen Bereich, nahezu ausgestorben sind.

Breites Repertoire

Wie die im Atelier ausgestellten Arbeiten deutlich werden lassen, ist Wilhelm auf dem Gebiet des Kunstdrucks sehr versiert. In einer Zeit, die von elektronischen Bildern beherrscht ist, wirken die ausgestellten Graphiken wie Blicke in eine lange zurückliegende Zeit. Dennoch wirken Wilhelms Arbeiten nicht nostalgisch, denn durch die Motivwahl und die Ausführung sowie durch das Zusammenspiel verschiedener Ausdrucksmöglichkeiten, schafft er unkonventionelle Seherlebnisse. Der Name von Wilhelms Webseite, independent-art.net, ist Programm. Wilhelm möchte sich nicht festlegen und schon gar nicht festlegen lassen. Weder in Bezug auf die Richtung noch auf das Medium. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Bereichen seiner Arbeit sind fließend. Seine Werke wirken überzeugend, weil er über ein breites technisches Repertoire verfügt und diesbezüglich immer weiter forscht. Er ist offen für die neuen Möglichkeiten, wie sie die elektronischen Medien bieten, aber gleichzeitig sensibel für ausgefeilte (bisweilen vergessene) künstlerische Techniken. Der Austausch mit Künstlern der unterschiedlichsten Sparten ist ihm wichtig.

Druckgrafische Vielfalt

Wilhelms Arbeiten leben von dem virtuosen Umgang mit den unterschiedlichsten Varianten. Ist es die leuchtende Farbwirkung bei der Serigraphie oder die expressionistische Kraft beim Holzschnitt, so sind es die vielfältigen Möglichkeiten der Kombination (Aquatinta, Mezzotinta, Kaltnadelradierung), die sich bei der Radierung ergeben.
Die unterschiedlichen Techniken, Lithografie, Radierung und Siebdruck, hat Wilhelm von der Pike auf gelernt. Er studierte an der Freien Akademie in Mannheim. An dieser Bildungsstätte unterrichteten namhafte Künstler wie Paul Berger-Bergner, Hans Nagel, Walter Koch und Hubert Gems. Seit 1974 arbeitet Wilhelm frei. Zahlreiche Ausstellungen in Deutschland sowie in Thailand, Polen und Kanada sind in seiner Vita dokumentiert. Sein Wissen über die technischen Feinheiten bei den unterschiedlichen grafischen Techniken gab er in den Werkstätten des Mannheimer BBK und bei Kursen an der Freien Akademie der Künste, ebenfalls in Mannheim, weiter.

Edeldrucke vereinen Fotografie und Kunst

Von Wilhelm gibt es nicht nur einzelne grafische Blätter und Mappenwerke. Zu verschiedenen Buchprojekten hat er künstlerische Arbeiten beigesteuert. Beispielhaft zu dem Werk „Die sichtbare Stadt“. Der bekannte Lyriker Hasan Özdemir schrieb Gedichte und Erzählungen, die kongenial mit den Bildern von Wilhelm harmonieren.
Die Arbeiten, die für „Die sichtbare Stadt“ ausgewählt wurden, stammen ausschließlich aus dem Bereich Cyanotypie. Die Cyanotypie ist eine Technik, die unter dem Oberbegriff Edeldruck gefasst wird, die aber bei genauerem Hinsehen nicht mit dem herkömmlichen Verständnis von Druck zu tun hat, sondern im Zusammenhang mit der Fotografie entwickelt wurde. Der Blaudruck, eine andere Bezeichnung für dasselbe Verfahren, wurde 1842 entdeckt. Die Konturen und Flächen erscheinen hier in einem geheimnisvoll blauen Ton. Dies kommt durch die lichtempfindlichen Eisenverbindungen, die unter UV-Einstrahlung wasserunlösliche Kristalle bilden. Nach der Belichtung dieser Unterlage mit einem Kontaktnegativ und einer UV-Quelle wird die Unterlage gewässert und so die löslichen Eisensalze ausgespült. Die unlöslichen Kristalle bleiben auf der Unterlage haften und erzeugen schließlich das Bild. Da die lichtempfindliche Lösung in das Papier eindringt, entsteht das Bild nicht wie bei modernen Silbergelatine-Prints in einer Schicht auf der Oberfläche, sondern direkt im Papier. Als Kontaktnegative dienen analoge Bilder oder Mittelformate (6x9, bzw. 6x6). Diese Fotografien werden eigescannt, eventuell bearbeitet und im Verhältnis 1:1 umgesetzt. Die Belichtung unter UV-Licht erzeugt dann das Bild als Unikat.
Diese Art der Kombination zwischen modernen Möglichkeiten und traditionellen Verfahren der Bilderzeugung hat Günther Wilhelm auch mit anderen fast vergessenen Etappen der Fotografiegeschichte durchexerziert, z.B. dem Gummidruck. Dieses Verfahren basiert auf einer Gummiarabikum-Lösung , die auf ein hochwertiges Aquarellpapier aufgebracht wird. Die Belichtung bewirkt hier eine Verhärtung bei den Kolloiden, die dadurch ihre Wasserlöslichkeit verlieren und später nicht mehr ausgewaschen werden können. Der Gummidruck war bei den Künstlern des „Fin de Siècle“ sehr beliebt. Auch diese Drucke Günther Wilhelms erschienen zusammen mit literarischen Texten in einem Buch: „Die künstliche Demoiselle“. Die Texte stammen von Meinrad Braun.

Alte Verfahren und ihre Wirkung

Ein feiner Sepiaton ist durch die Kallitypie zu erreichen. Bei diesem Verfahren bildet Silbernitrat die Grundlage, das mittels lichtempfindlichen Eisensalzen in metallisches Silber umgewandelt wird.
Der Salzdruck, ebenfalls im Atelier Wilhelm zu sehen, ist ein Verfahren aus der Frühzeit der Fotografie, das von Henry Fox-Talbot zwischen 1834 und 1839 entwickelt wurde. Es basiert auf einer Kochsalzlösung und Silbernitrat. Daraus entwickelt sich das lichtempfindliche Chlorsilber. Wie bei allen fotografischen Verfahren, die auf Silberverbindungen basieren, stellt sich auch hier die Frage nach der Haltbarkeit. Das Mittel, um diese zu erreichen, ist hier die Goldtonung, die sowohl den Salzdruck als auch die Kallitypie konserviert.
Was Wilhelm an diesen fotografischen Verfahren fasziniert, ist nicht zuletzt die Nähe zur Druckgrafik und die unterschiedlichen graphisch wirkenden Bildformen, die sich durch sie erzeugen lassen. Mit einer Sensibilität für Nuancen lassen sich vom Betrachter auch leicht die unterschiedlichen Wirkungen feststellen. Anhand von identischen Motiven, die Wilhelm in verschiedenen Techniken erzeugt hat, wird dies deutlich. Der weiche Braunton des Gummidruckes lässt eine intime Raumsituation entstehen, die sich für die Aktdarstellung weit besser eignet als das kalte, blaue Licht der Cyanotypie.

Effekte mit der Lochkamera

Neben den hier vorgestellten Spielarten des Edeldrucks ist Wilhelm von den Möglichkeiten der Lochkamera fasziniert. Die Lochkamera ist eine Etappe in der Geschichte der Fotografie. Im Prinzip gibt es dieses Instrument schon seit der Renaissance (Camera obscura). Wesentlich für die Lochkamera ist das lichtdichte Gehäuse und die verschließbare Linsenöffnung in der Frontwand.
Was einen Künstler wie Günther Wilhelm an der Lochkamera interessiert, ist an seinen Arbeiten leicht abzulesen. In erster Linie ist dies die grafisch-flächige Wirkung solcher Fotografien. Im Gegensatz zu einer Kamera mit Objektiv erscheinen bei der Lochkamera die Linien nicht gekrümmt. Details aus dem Hintergrund werden genauso scharf gezeichnet wie solche aus dem Vordergrund. Auf diese Weise erscheint alles wie auf einer Linie. Es werden keine Gegenstände fokussiert und somit hierarchisiert. Durch die Arbeit mit der Lochkamera entsteht auf der anderen Seite auch eine geheimnisvolle Ruhe. Sich schnell durch das Bild bewegende Objekte sind bei langen Belichtungszeiten auf dem Foto nicht mehr wiederzufinden. Somit ist es zum Beispiel möglich, belebte Straßen oder Plätze völlig ohne Menschen oder Fahrzeuge abzulichten.
Diese besondere Wirkung der Lochkamera wird von Wilhelm bei seinen Landschaftsaufnahmen sehr bewusst einbezogen. Die Verwischungen sind künstlerische Mittel der Verfremdung, die neben dem weiten Winkel die Suggestionskraft des erzeugten Bildes steigern und selbst bekannten Plätzen eine geheimnisvolle, nahezu magische Wirkung verleihen.

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© Der Kunsthandel 2010