Handwerk

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Aufbewahrung von Kunst und Kulturgut in Privatbesitz
Vor Schäden bewahren

Eigentümer oder jene, die vorübergehend Verantwortung für fremdes Kulturgut (Kauf, Vererbung, Schenkung, Ausleihe) tragen, gibt Dipl.-Rest. Dr. Paul-Bernhard Eipper hier kurze Erläuterungen für Maßnahmen, durch die in der häuslichen Umgebung, in Ausstellung oder im Atelier geeignete Aufbewahrungsbedingungen für Kulturgut geschaffen werden können. So lassen sich Schäden vermeiden, zu deren Behebung sonst ein qualifizierter Restaurator aufgesucht werden muss. Insbesondere Einrahmer und Kunsthändler werden von Sammlern immer wieder auch zu einer Beratung heran gezogen, weswegen man sich in diesem Bereich unbedingt auskennen sollte, auch wenn man selber seltener teure Kunst im Geschäft hat.

Dem dauerhaften Erhalt von Kulturgut steht Heraklits "panta rhei – alles fließt“ und auch Mephistopheles "denn alles was entsteht, ist wert dass es zugrunde geht" entgegen. Die Tendenz zum Verfall ist dem Kunstwerk durch Material und Umgebung vorgegeben - dieser Verfall ist allerdings durch gute Umweltbedingungen aufzuhalten. Ein Beispiel aus der organischen Chemie: Kohlenstoffketten neigen zum Abbau, sie zerbrechen. Bei unedlen Metallen, wie z.B. Eisen, kommt es zur Substanzumwandlung: es rostet. Die Atome wollen ein energetisch günstiges Niveau erreichen, das beispielsweise farbige Erden, also Oxide, Edelgase oder inerte Stoffe bereits erreicht haben.

Alles wirkt zusammen

Eine wichtige Grundlage zum Verstehen des Verfalls von Kunstwerken in häuslicher Atmosphäre ist, dass alles zusammen wirkt. Insbesondere Licht, Wärme und Feuchtigkeit, denn dies sind alles Formen von Energie. Der in der Umgebungsluft vorhandene Sauerstoff bewirkt zusätzlich Oxidation.
Tageslicht ist physikalisch gesehen elektromagnetische Strahlung, welche im Auge Helligkeitsempfindungen hervorruft. Licht enthält neben der Palette der Regenbogenfarben auch optische Strahlungen wie kurzwellige UV-Strahlen und langwellige Infrarotstrahlen, ebenfalls Energieformen. Bei dieser Energieform handelt es sich um angeregte Atome, die sich in einem Zustand erhöhten Energieinhalts befinden. Die optische Strahlung führt an Objekten zur Photolyse und zur Photooxidation, beziehungsweise Photoreduktion. Diese Vorgänge sind irreversibel! Es werden durch UV-Strahlen Ketten gespalten, bei tierischem Leim kommt es so zur Abnahme von Bindungskräften. UV-Licht verursacht zudem Ausbleichung auf Papier, Holz und Leinwand oder Verbräunung durch Spaltung der Farbträger (Chromophore). Und dies ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Schäden, die durch Licht oder das falsche Licht auftreten können

Wärme baut Farbe ab

Auch Wärme ist Energie. Wärmestrahlen sind die langwelligen Infrarotstrahlen. Die Summe dieser Energie zeigt sich im Alter des Kunstwerkes. Bei dunklen Farbbereichen gilt: je höher die Temperatur, desto schneller der Abbau von Farbe und Bindemittel. Firnisse werden z.B. polarer, d.h. löslicher. Ausdehnungen und Schrumpfung werden durch Wärme verursacht, in deren Folge verringert sich die Festigkeit der Substanz.
Feuchtigkeit, insbesondere die Luftfeuchtigkeit beeinflusst nicht nur innen und außen die Kunstwerke. Die verschiedenen hygroskopischen Materialien reagieren mit unterschiedlicher Volumenveränderung auf sich ändernde Luftfeuchtigkeit. Schon der direkte Atem führt an der Oberfläche zu Veränderungen. Grundierungen quellen und verspröden. Die Ausdehnung und Schrumpfung des Gefüges führt zu inneren Spannungen, weil Farben nicht so hygroskopisch wie der Untergrund sind, das heißt die Festigkeit lässt nach. Feuchtigkeit fördert zudem Schimmelwachstum, lässt Firnisse blauer werden, was man auch als Blaukrankheit oder Schleißheim-Disease bezeichnet.

Spannungen im Bild

Die Schlussfolgerung, aus all diesen Betrachtungen: Fassen Sie – insbesondere bei besonders wertvollem Einrahmungsgut – nichts ohne Handschuhe an! Sowohl die Fingerfeuchtigkeit als auch das auf der Haut vorhandene Fett schädigen das Gemälde. Auch ein Tuch vor Mund und Nase schützt vor Flecken, beispielsweise an Pastellen und Grafiken.
Alle beschriebenen Umgebungseinflüsse erzeugen Spannungen im Gefüge des Bildes, an der schwächsten Stelle wird es schließlich zwangsläufig nachgeben. Interessant dabei ist, dass die Erfahrung zeigt, dass Moderne Kunst schwerer betroffen ist als die Alten Meister!

Teil II in der nächsten Ausgabe

Entstauben
mit einreihigen Ziegenhaar-, Eichhörnchenhaar-Pinseln. TIPP: Kunstgegenstände besser gut aufbewahren als zum Restaurator bringen (seit dem Krieg ist mehr durch Restauratorenhand zerstört worden als im Krieg selbst, denn: "Viele fühlen sich berufen, aber nur wenige sind auserwählt".) Restaurierung bedeutet immer Eingriff, die Gefahr einer Umdeutung, Uminterpretation besteht immer.

Wenn nötig, dann nur durch einen auf Hochschulniveau ausgebildeten Restaurator mit Referenzen, denn "das Restaurieren ist ein widernatürlicher Prozess".

Vorsicht bei Geheimniskrämerei durch den ausführenden Restauratoren. Alle Karten müssen offenliegen! Dokumentation verlangen!

Kein Mut zur Selbsthilfe
Keine Hausmittel verwenden! Salatöl, Stutenmilch, Pril, Persil und Rei gehören nicht zu den zu verwendenden Mitteln. Niemals selbst Kulturgut mit ungeeigneten Putzmitteln behandeln.
Grundsatz: "so wenig wie möglich – nicht mehr als notwendig."


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© Der Kunsthandel 2011