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Schinkels Bilderrahmen
Die Rahmung der 600

In Berlin kommt derzeit keiner an ihm vorbei: Karl Friedrich Schinkel wird mit der großen Ausstellung „Schinkel. Geschichte und Poesie“ geehrt. Zum 170. Todestag des Künstlers rückt das Kulturforum nicht nur die architektonischen und malerischen Entwürfe des großen Preußen in neues Licht, sondern hält auch Überraschungen bereit – kaum einer weiß heute noch, dass Schinkel auch Bilder rahmte. Die goldenen Rahmen samt Skizzen sind jetzt im Kabinett der Berliner Gemäldegalerie in der Studioausstellung „Goldene Leisten – Schinkel rahmt Bilder“ zu sehen.

Wer kennt sie nicht, die Neue Wache Unter den Linden, das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, den Schinkel-Pavillon im Charlottenburger Schlossgarten oder das Alte Museum mit seiner Säulenfassade? Kein andere Architekt hat Berlins Stadtbild so geprägt wie Karl Friedrich Schinkel. Dass der große Baumeister auch leidenschaftlicher Maler war, wissen die Meisten – in den Museen der Welt hängen seine romantischen Landschaftsbilder und architektonischen Utopien, in der Alten Nationalgalerie hat er gar einen eigenen Raum. Doch die wenigsten wissen, dass Schinkel noch mehr war, ein Universalgenie, das nicht nur Bühnenbilder erschuf und Möbel entwarf, sondern auch Bilderrahmen herstellte und Einrahmungen vollzog.

Architekt und Inneneinrichter
Es begann 1822, als der Architekt Schinkel den Auftrag zum Bau des Königlichen Museums am Lustgarten (heute Altes Museum) erhielt. Mit seiner Eröffnung am 3. August 1830 bekam die Stadt Berlin nicht nur den ersten öffentlichen Museumsbau, auch der Grundstein für die Geschichte der heutigen Museumsinsel wurde damit gesetzt. Die Skulpturen- und Gemäldesammlung sowie das Kupferstichkabinett zogen gemeinsam unter ein Dach – ein Dach, das durch seine klar gegliederte äußere Form, die imposante Fassade mit ihren 18 kannellierten ionischen Säulen, die weit gespannten Vorhalle, die Rotunde und die ausladenden Freitreppe zu den bedeutendsten Bauwerken des Klassizismus' gehört. Abgesehen vom Museumsinnenbau war Schinkel auch für dessen Einrichtung verantwortlich.

3000 m goldene Leisten
Zur Inneneinrichtung des Museums gehörte ebenso die Rahmung der Bilder. Der damalige Direktor der Gemäldegalerie, Gustav Friedrich Waagen, hatte bereits 1827 festgelegt, welche Bilder die Sammlung präsentiert werden sollten und 1196 Gemälde ausgewählt. Allerdings besaßen von diesen Bildern davon rund die Hälfte keine Rahmen – oder eine Restaurierung des vorhandenen Rahmens war zu kostspielig. So stand Karl Friedrich Schinkel vor der Aufgabe, innerhalb von drei Jahren Bilderrahmen für rund 600 Gemälde anfertigen zu müssen. In einem Tagebucheintrag vermerkt der gebürtige Neuruppiner: „Es fehlen 8782 laufende Fuß Leiste“ – das entspricht rund 3000 m goldenen Leisten.



Nach dem Baukastensystem
Individuell gestaltete Bilderrahmen von Schinkel gibt es nur wenige – angesichts der enormen Menge an zu rahmenden Werken und der knappen Zeit nur zu verständlich. Um effizient arbeiten zu können, entwickelte der Baumeister eine Art Baukastensystem, das sowohl kosten- als auch zeitsparend war: Vergoldete Holzleisten vom Meter in unterschiedlichen Profilen und Profilbreiten wurden den Gemälden angepasst und mit vergoldeten Bleiornamenten, Drehstäben oder Zwickeln verziert. Einige der Exemplare dieser Standardvariante sind nach gotischem Vorbild angefertigt, man erkennt schön wie sich Schinkel hier an den feingliedrigen Formen dieser Epoche orientiert und seine Rahmen mit wenigen, aber schmückenden Elemente bestückt. Unter eine individuelle Rahmung fällt der üppig verzierte Tabernakelrahmen, der ehemals Giovanni Bellinis „Toten Christus mit trauernden Engeln“ fasste. Er ist aufwendig geschmückt mit Blumenranken und Rocaille-Ornamenten, Pilaster-Elemnten und kleinen Musik-Putti, die in den Zwickeln sitzen.

Vom Entwurf zur Fertigung
Die Studioausstellung des Kupferstichkabinetts unter dem Titel „Goldene Leisten – Schinkel rahmt Bilder“ ist noch bis zum 6.1.2013 im Kabinett der Gemäldegalerie anlässlich der großen Ausstellung „Schinkel. Geschichte und Poesie“ in den Hallen des Kulturforums zu sehen. Sie zeigt die Entstehung der Rahmen, vom Beginn mit einem flüchtigen ersten Bilderrahmenentwurf, über exakte Vorlagen für Handwerker bis hin zum fertigen „Schinkelrahmen“. Ein besonderes Erlebnis verspricht die Führung durch die Ausstellung am 20. November zu werden, sie wird geleitet von der Kuratorin Dr. Julia Sedda.

Späte Würdigung
Etwa 200 der rund 600 gebauten „Schinkelrahmen“ sind im Ausstellungs- oder Depotbereich der Staatlichen Museen zu Berlin erhalten geblieben; der Verbleib der übrigen 400 Rahmen ist nur vereinzelt bekannt. Bereits 1890, als Wilhelm von Bode die Direktion der Gemäldegalerie bis 1929 übernahm, ließ er die „Schinkelrahmen“ entfernen. Sie entsprachen nicht mehr dem Geschmack der Zeit, die Gemälde wurden statt dessen in Rahmen, die ihrer Entstehungszeit entsprachen, gehängt. Im Zuge dieses Stilwandels – und durch die Verluste durch den Zweiten Weltkrieg – hängen heute nur noch wenige Gemälde in den originalen „Schinkelrahmen“. Mittlerweile ist man sich ihrer Besonderheit und ihres Wertes bewusst und hat sie für die Besucher augenscheinlich gekennzeichnet – damit der Rahmenbauer Schinkel nicht wieder in Vergessenheit gerät.

fr


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© Der Kunsthandel 2012