Handwerk

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Restaurierung
Sensationsfund unter Schiele-Gemälde

Bei der Routinerestaurierung des Ölgemäldes „Stadtende/Häuserbogen III“ von Egon Schiele entdeckte der für Bildrestaurierungen am Grazer Joanneum zuständige Leiter und KUNSTHANDEL-Autor Dr. Paul-Bernhard Eipper unter der Malschichtoberfläche zwei Porträtskizzen – ein kleine Sensation.

Stutzig macht Eipper bereits der heterogene Aufbau der Malschichtoberfläche. Sie ist teils pastos, teils dünn lasierend und in mehreren Schichten ausgeführt. Den Grund dafür erkannte der Dipl.-Restaurator dann bei genauerer Untersuchung, u.a. bei Auf- und Durchlicht sowie UV-Licht: Unter dem Häuserensemble, einer Darstellung der südtschechischen Stadt Krumau, liegen links und rechts je eine unvollendete, verworfene männliche Porträtskizze.
Ursprünglich verwendete Schiele den Malgrund hochkant für die Portraits. Bevor er dann im Jahr 1918 das Krumau-Bild darauf anlegte, darf man sich die unvollendeten Skizzen ähnlich einer Spielkarte vorstellen. Auf der Rückseite des Gemäldes ist die durch starken Pinseldruck und mit stark verdünnten Farben – mehrheitlich Preußischblau, Ultramarinblau und Schwarz – ausgeführte Skizze eines Manns mit Schnurrbart durchgeschlagen, eine andere, mit weniger verdünnten Farben gemalte erscheint bei Durchlicht.
Der abgebildete Mann mit Schnurrbart ist der Kunstsammler Heinrich Benesch (1962-1947), einer der ersten und wichtigsten Förderer Egon Schieles. Bekannter noch ist heute sein Sohn Otto (1896-1964), Kunsthistoriker und Vertreter der Wiener Schule der Kunstgeschichte. Die Skizze von Heinrich Benesch unter dem jetzigen Krumau-Bild hat Schiele im Jahr 1917 übrigens dann mit Bleistift, Aquarell und Tempera auf Papier ausgeführt. Die 45,8 x 28,5 cm große Zeichnung befand sich bis zu deren Restitution in der Grafischen Sammlung der Wiener Albertina.

Porträt ins Häuserbild eingearbeitet

Doch zurück zu den Skizzen unter dem Ölgemälde: Nach der Vorzeichnung mit verdünnten Farben malte Schiele mit stark pastosem Farbauftrag weiter. Die Farbe dieser Skizzen war schon gut durchgetrocknet, denn als Schiele die Leinwand 1918 weiter verwendete, kam es vor dem neuerlichen Malprozess zu vielfachen Farbverlusten durch Abkratzungen von Pastositäten – z. B. im Bereich der Hände – wie auch zu Übermalungen der so entstandenen Fehlstellen und der stehengelassenen Pastositäten. Es ist nicht auszuschließen, dass eine kriegsbedingte Materialknappheit Ursache für diese bei Schiele nicht übliche Weiterverwendung von bearbeiteten Malgründen war.
Das stark pastos gemalte Portrait von Benesch arbeitete Schiele kunstvoll und sehr originell in das jetzige Häuserbild ein: In die Augen, das Ohr und den Schnurrbart legte er Baumkronen, das Revers des Anzuges wurde zu einer Mauer, die Arme zu einer Häuserreihe umgearbeitet. Stellenweise ist die Haftung der oberen Farbschicht auf fetten unteren Malschichten heute gefährdet.
Das sehr heterogene Erscheinungsbild machte es Eipper sehr schwer, im Tageslicht den Aufbau zwischen Original und Ergänzung und späteren Retuschen von Restauratoren zu unterscheiden. Untersuchungen mit Auf- und Durchlicht sowie ultraviolettem Licht waren unerlässlich, um Klarheit über den originalen Bildaufbau und jüngere Zutaten von vorangegangenen Restaurierungen zu erhalten.
Auch unter UV-Licht fällt die heterogene Oberfläche des Gemäldes auf: Während die Pastositäten des rechten Vorgängerportraits und Schieles Weiterbearbeitungen teilweise sehr ähnlich in der Fluoreszenz erscheinen, geben die später von Schiele hinzugefügten Bäume eine Fluoreszenz ähnlich der jüngerer Retuschen ab. Das Gemälde weist keinen Firnis auf.

Instabiler Zustand

Insgesamt war der Zustand des Bildes vor der durchgeführten Restaurierung als gefährdet und vernachlässigt zu bezeichnen. Das heute sichtbare Gemälde wurde auf einem sehr feinen, relativ weitmaschigen Leinengewebe ausgeführt. Die darauf schon zur Entstehungszeit mangelhaft haftende Grundierung ist sehr dünn, glatt und brüchig. An vielen Stellen ist sie samt der Malschicht in den Zwischenräumen der einzelnen Fäden verloren gegangen.
Wohl aufgrund der minderen Qualität des textilen Trägers, durch die mechanische Belastung beim Malen und die wohl ungünstige Lagerung der Leinwand bis zu ihrer Weiterverwendung hat das Gewebe stark gelitten.
Mehrere Ausleihen, belegt sind Wien 1918/1925/1930/1968/1985/2004, Düsseldorf 1959, New York 1965, Bregenz 1971, London 1971, Luzern 1974, München 1975, Hamburg 1981, Venedig 1984, Paris 1986, Bonn 1996 und Brüssel 1998, verbesserten den Zustand des Gemäldes nicht.
Im Gegensatz zu anderen Schiele-Gemälden wurde die Oberfläche des Bildes bislang relativ wenig invasiv bearbeitet. Für das Jahr 1970 findet man Berichte über zahlreiche Fehlstellen, die man mit Kasein-Temperafarben schloss. Es erfolgten Ausbesserungen von fehlenden Pastositäten mit Wachs- und ungebundenen Pigmentfarben, Retuschen sind mit Lascaux-Farben ausgeführt worden, weitere kleinere bei einer Ausleihe in den 1990er-Jahren.

Vorsichtige Restaurierung

Die Bildoberfläche vor der Restaurierung durch Dr. Paul-Bernhard Eipper war dominiert von zahlreichen Fehlstellen, verfärbten Retuschen, Wachskittungen, einer durch eine Vlieseinlage gekitteten Durchstoßung, verfärbten Firnisfestigungen sowie abgebrochenen und falsch zugeordneten Pastositäten. Die Spannung des Trägergewebes erwies sich als ungenügend.
Eine Recherche durch Eipper zeigte zudem, dass heute noch immer ein gewaltige Kenntnislücke bezüglich der Maltechnik Schieles besteht. Es existieren zudem keine vergleichenden Analysen zum Farbmaterial.
Auch die von Eipper nun durchgeführte Restaurierung sollte möglichst wenig invasiv erfolgen. Zunächst führte er kleinere lokale Festigungen der Malschicht aus. Das Gemälde wurde nachgespannt, die Keile gesichert. Die wesentlichen Arbeiten bestanden in einer Oberflächenreinigung mit Marlipal, Kittungen sowie Farbpigmentretuschen mit dem Pigmentbindemittel Klucel E in wasserfreiem Ethanol.
Abschließend erhielt das Gemälde eine Klimavitrine mit einer Schutzverglasung von Flabeg (Art-Control UV 100). Darauf aufgesteckt wurde der historische Zierrahmen, der seit 1920 dokumentiert ist – ein halbrundes Profil mit Aluminiumblattauflage auf gelb eingefärbtem Anlegeöl auf grundiertem Holz.
Das Schiele-Gemälde wird anlässlich der Wiedereröffnung der Neuen Galerie im Joanneumviertel am 26. November 2011 erstmals nach vielen Jahren wieder zu sehen sein.
Tragisch: Die Stadtansicht von Krumau zählt zu Schieles letzten Werken. Drei Tage nach seiner schwangeren Frau Edith wurde der Maler am 31. Oktober 1918 mit nur 28 Jahren Opfer der Spanischen Grippe, die von 1918 bis 1920 weltweit wütete.

Dr. Paul-Bernhard Eipper/cb


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© Der Kunsthandel 2010