Handwerk

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Herstellung des Poliments
Klassische Töne, knallige Farben und wirkungsvolle Effekte

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer perfekten und effektvollen Vergoldung ist die Herstellung des Poliments. Vergoldermeisterin Karin Havlicek, Autorin des Standardwerks „Vergolden mit Blattgold“, erklärt im KUNSTHANDEL, was dabei besonders zu beachten ist und welche Variationsmöglichkeiten
man nutzen kann, um verschiedene Wirkungen zu erzielen.

Rezepte

Polimentleim

300 g kaltes destilliertes Wasser, darin 9 g Gelatine, weiß, fein gerieben (in jedem Lebensmittelgeschäft in der Backabteilung in kleinen Papiertütchen erhältlich) 60 Minuten quellen lassen

Gelbes Poliment
- 50 g Polimentleim
- 15 g gelber deutscher Bolus (für ein mittelstark geleimtes Poliment)

Rotes Poliment
- 50 g Polimentleim
- 20 g roten deutschen Bolus (für ein mittelstark geleimtes Poliment)

Arbeitsschritte
1) Bolus in einem sauberen Glas abwiegen
2) Polimentleim erwärmen, etwa 20 g zum Bolus hinzugeben beziehungsweise aufschließen
3) Restlichen Polimentleim (30 g) hinzugeben und gut vermischen
4) In ein sauberes Glas sieben
5) Glas verschließen und beschriften, nach Gebrauch im Kühlschrank aufbewahren

Die optimale Polierfähigkeit, die es ermöglicht, die Massivität echten Goldes vorzutäuschen, kann durch eine perfekt ausgeführte Blattvergoldung in Polimenttechnik auf Bolus erzielt werden. Für diese hochwertige Polimentvergoldung benötigt man als Träger des Blattgolds das sogenannte Poliment, eine Mischung aus Polimentleim (hier Speisegelatine) und Bolus. Die im Folgenden beschriebene Herstellung von Poliment ist sehr einfach und wenig zeitaufwendig, erfordert aber äußerste Sorgfalt und Sauberkeit. Das Poliment wird auf einer perfekt vorbehandelten Kreidegrundoberfläche aus Weißgrund aufgetragen.
Ziel ist es, einen dichten, polierfähigen, saugenden, satten Untergrund für die Blattvergoldung herzustellen. Die Farbe des Bolus ist entscheidend für den Farbklang, die Intensität des aufliegenden Goldes. Da das Gold eine Stärke von lediglich 1/8000 mm aufweist und zumeist durchgerieben wird, beeinflusst die Wahl der Tonerde den Farbton der Vergoldung. So lassen roter Bolus und die anschließende Vergoldung mit 22 Karat Orange Doppelgold die Vergoldung insgesamt wärmer aussehen. Einen kühleren Ton erzielt man durch das Unterlegen mit schwarzem Bolus.
In einem sauberen, großen Glas gefüllt mit 300 g destilliertem, kaltem Wasser lässt man die 9 g Gelatine (das entspricht einer Packung) quellen. Nach etwa einer Stunde ist der Gries gequollen und weist keinen harten Kern mehr auf. Die Gelatine kann nun im Wasserbad vorsichtig erwärmt
werden; sie sollte nicht heißer als 50°C werden, da der Leim sonst an Bindekraft verliert. Wenn sich die Lösung klar darstellt, ist der Leim fertig für die Polimentherstellung.

Gelb und Rot

Die klassischen Polimentfarben für eine Glanzvergoldung mit Gelbgold sind Gelb und Rot, um einen warmen Farbton zu erzielen. In der Regel unterlegt man eine Polimentvergoldung zweimal mit gelbem und ein- bis zweimal mit rotem Poliment. Wenn das Gold später stark durchgerieben werden soll, wählt man ein stark geleimtes Poliment, für normalen Durchrieb ein mittelstarkes, und wenn das Gold in seinem Glanz stehen bleiben soll, wählt man die schwächste Variante.
Das gelbe Poliment liegt unter dem roten, und seine Leimkonsistenz sollte etwas stärker sein als dieses. Durch Zugabe von etwas mehr Bolus erreicht man die Schwächung der Bindung und erhöht gleichzeitig die Polierfähigkeit und den Glanz, da die Konsistenz des Poliments etwas dicker ist.
In ein sauberes Glas gibt man mit einem sauberen Teelöffel die 15 g gelben Bolus. Nun gießt man etwa 20 g warmen Polimentleim hinzu und rührt die Masse kräftig um, bis ein dicker Brei entstanden ist; diesen Vorgang bezeichnet man als „Aufschließen“. Man füllt den Rest des Leims hinzu und verrührt die breiige Masse langsam. Um zu vermeiden, dass sich in dieser letzten Schicht, die vor der Vergoldung aufgetragen wird, kleine Partikel befinden, siebt man das so entstandene Poliment zweimal durch ein engmaschiges Kupfersieb. Fertig!
Das Poliment wird beschriftet, mit Datum und Deckel versehen und nach Gebrauch im Kühlschrank gelagert; es ist gekühlt ca. eine Woche haltbar. Es sollte stets geliert sein, wenn es aus der Kühlung kommt. Hat es sich leicht verflüssigt, könnte der Leim seine Bindefähigkeit verloren haben und das Poliment sich nicht mehr als Unterlage für die Vergoldung eignen. Es empfiehlt sich in jedem Fall, es auf einem Musterstück, das genauso oft grundiert und geschliffen wurde, zu testen, bevor man es auf das originale Werkstück aufträgt und das Blattgold auflegt.

Arbeitsschritte zur Polimentierung

1) Geschliffenes Werkstück abstauben
2) Mit Alkohol abziehen
3) Polimentieren / Trocknen lassen (4 x)
4) Nach dem letzten Polimentauftrag und nach vollständiger Trocknung polimentiertes Werkstück bürsten

Verschiedene Farbtöne

Mittlerweile sind nahezu alle Grundfarben und einige Mischfarben als Polimentfarben für den Vergolderbedarf erhältlich. Möchte man aber einen speziellen Farbton selbst herstellen, so kann beispielsweise Mixol (angeteigte, fein zerriebene Pigmente ohne Bindemittel) verwendet werden.
Selbstverständlich lassen sich die Polimentfarben untereinander mischen. Die schönsten Effekte und knalligsten Farben kann man aber selbst herstellen, indem man ca. 2/3 Tonerde (Bolus) mit 1/3 Plaka-Farbe mischt und diese Mischung dann, wie beschrieben, mit dem Leim zu einem Poliment verarbeitet. In jedem Fall empfiehlt sich der Aufstrich auf einer Musterplatte, noch besser einem identischen Musterstück. Der Aufstrich sollte leicht lasierend, er sollte streifenfrei und ohne Körnung – einfach glatt – sein.

Tipp

Auf modernen Rahmenprofilen hat es sehr interessante Wirkung, wenn man das Poliment in mehreren verschiedenen Farbtönen aufträgt und nach der Vergoldung durchreibt.

Vorbereitung des Werkstücks

Vor dem Polimentieren sollte der Weißgrund auf dem Werkstück perfekt und fein geschliffen, der Endschliff mit trockenem Papier bei Körnung 180 oder höchstens 220 erfolgt sein. Wird die Oberfläche noch feiner geschliffen, besteht die Gefahr, dass sie dem Poliment keine Haftung bietet und beim Polieren mitsamt dem Gold abspringt. Es empfiehlt sich, das kreidegrundierte Werkstück trocken und sorgfältig abzustauben oder abzusaugen (einen Rahmen auch im Falz und auf der Unterseite).
Um sicher zu gehen, dass sich keine Spuren von Handfett auf der Kreidegrundfläche befinden, sollte man das kreidegrundierte, perfekt geschliffene Werkstück nochmals mit einem weichen Baumwolltuch ohne Struktur (z. B. einem Stretch-Bettlaken) und benetzt mit Ethanol abziehen. Manche Vergolder löschen ihren Kreidegrund, indem sie das Werkstück mit einer Leimlösung bestreichen, bevor sie polimentieren, damit der Grund gleichmäßig abgesperrt und weniger saugkräftig ist.
Arbeitet man nach dem Mischgrundrezept (siehe „Vergolden mit Blattgold – Schritt für Schritt“ von Karin Havlicek), ist dies nicht nötig, da der Kreidegrund einen starken Leimanteil hat. Bei der nun folgenden Polimentierung ist auf absolute Sauberkeit am Arbeitsplatz und in der Umgebung (z. B. auch sauberer Arbeitskittel ) zu achten.

Auftragen des Poliments

Für die Herstellung und das Aufstreichen des Poliments sollten nur spezielle Haarpinsel verwendet werden, die ausschließlich für die Mischung und den Auftrag benutzt werden. Es wird im Wasserbad nicht über 50°C erwärmt und handwarm aufgetragen. Es darf nie zu heiß werden, da es sonst an Bindekraft verliert und die Gefahr besteht, dass das Blattgold nach dem Netzen, Auflegen und Polieren nicht hält. Grundsätzlich muss sehr schnell und sorgfältig – in einem Zug – gearbeitet werden. Wiederholtes Polimentieren einer Stelle ist unbedingt zu vermeiden, da sich das Poliment sonst ablösen kann oder Streifen entstehen können.
An einem Rahmen beginnt man am besten in der Mitte des Rahmenschenkels und arbeitet dann nach außen zur Gehrung hin. So verhindert man, dass die Gehrungen sehr nass werden und dann länger zum Trocknen brauchen als die Schenkel.
Interessante Effekte ergeben sich nach dem Durchreiben des Blattgoldes, wenn das Poliment wellig, bewusst mit Struktur aufgetragen wird. Da es sich im Grunde um eine Leimfarbe handelt, hält der Leimanteil im Poliment das Gold nach dem Polieren auf dem Untergrund. Es ist wichtig, Tropfen zu vermeiden, da diese beim Polieren mit dem Achat abplatzen können.
Für besonders feine Arbeiten empfiehlt sich ein Zwischenschliff mit 800er-Schleifpapier – dafür nur kurz in einem Zug über die Fläche gleiten, um kleine Körnchen abzunehmen. Ein regelrechter Zwischenschliff ist nicht angebracht, denn die hauchdünnen Schichten würden durchgeschliffen. Zwischen den einzelnen Polimentaufträgen sollte das Werkstück bei einer Raumtemperatur von ca. 20°C immer gut trocknen. Die Trocknungszeit beträgt je nach Werkstück etwa 30 Minuten. Nicht mit einem Föhn nachhelfen, da der Bolus dann spröde wird!
Bearbeitet man beispielsweise eine Skulptur mit Falten und soll die Endoberfläche eine Polimentvergoldung in Gelbgold sein, so ist auch hier zu beachten, dass die noch nassen Tiefen in den Falten vor dem nächsten Polimentauftrag durchtrocknen müssen. An historischen Profilen und im Faltenwurf der Gewänder von Skulpturen werden die Höhen stets gelb und rot polimentiert, die Tiefen, beispielsweise Hohlkehlen, gelb belassen. Man kann auf diese Weise besser verbergen, wenn das Gelbgold beim Anschießen in der Tiefe gerissen sein sollte.

Bearbeiten der getrockneten Polimentierung

Das gleichmäßig aufgetragene Poliment muss durchtrocknen, bevor die Fläche mit einer speziellen, nur für diesen Zweck zu verwendenden Bürste – es gibt sie in verschiedensten Formen und Größen – gebürstet wird. Damit soll erreicht werden, dass es als direkte Unterlage des feinen Blattgoldes glatt und dicht ist, die Netze nicht so schnell wegtrocknen und somit die Vergoldung gelingen kann. Sollte jetzt noch eine raue Stelle oder ein Partikelchen auf der Fläche sein, kann man vorsichtig mit 800er-Schleifpapier glätten.

Drei Vorschläge für Variationen

Imitation einer China-Lack-Fläche:
Klassisches französisches Poliment (Lefranc), gemischt mit roter Plaka-Farbe im Verhältnis 2:1, mehrfach, am Ende deckend auf ein kreidegrundiertes Werkstück auftragen und bürsten; anschließend Magermilch mit 1,5 % Fett unverdünnt auftragen und nach dem Trocknen mit einem glänzenden Achat polieren.

Raffinierte Pünktchen:
Durch Zugabe von nur einem Tropfen Leinöl zum Poliment entsteht eine Emulsion. Wird das Poliment aufgetragen, ergeben sich winzige Augen. Reibt man nach dem Vergolden das angeschossene und fest polierte Blattgold durch, so erzielt man einen Durchrieb mit winzig kleinen Pünktchen.

Goldradierung:
Auf gebürstetem Poliment, das mit dem Achat poliert ist, lässt sich eine Radierung ausführen.

Poliment mit Craquelé

Wie im Kreidegrund lassen sich auch in der Polimentschicht Risse künstlich erzeugen. Das grundierte geschliffene Werkstück abstauben und mit Alkohol abziehen. Den Kölner Leim zügig auf das Werkstück streichen. Nach etwa 15 Minuten die nächste Schicht auftragen:
Der Kölner Leim sollte noch nicht ganz trocken sein, wenn als zweiter Auftrag das Gemisch von weißem Bolus und Natronwasserglas aufgetragen wird. Dabei entstehen schon die ersten, feinen Risse. Nach etwa 15 bis 20 Minuten auf die ebenfalls noch nicht ganz trockene Schicht das rote Poliment auftragen. Die Rissbildung wird danach etwas stärker.

Tipp

Je stärker die Schichtdicke des Kölner Leims, desto stärker ist die Rissbildung. Prinzipiell immer auf die noch nicht ganz durchgetrockneten Aufstriche nass in feucht arbeiten.

Nach Bedarf kann auch ein zweiter Auftrag roten Poliments erfolgen. Ist es durchgetrocknet, kann es gebürstet und vergoldet werden. Die Vergoldung wird wahrscheinlich nicht ganz perfekt sein, da das Ganze überleimt ist, man kann aber einen wunderbar antiken Effekt herstellen, wenn man das Gold danach noch durchreibt und tönt.

Arbeitsgerät für Poliment mit Craquelé

- Mit Kreidegrund grundiertes Werkstück, fein geschliffen
- Kölner Leim
- Messbecher oder Filmdose
- Grammwaage
- 3 Gläser
- Sieb
- Herdplatte oder Wasserkocher
- Borstenpinsel
- Polimentpinsel
- Weißer Bolus
- Natronwasserglas
- Roter Bolus
- Polimentleim
- Alkohol
- Lumpen
- Staubbesen

Vorbereitung
- Kölner Leim herstellen: Leim im Verhältnis 1 VT : 2 VT Wasser ansetzen, ca. 2 Stunden quellen lassen, im Wasserbad verflüssigen
- Weißes Poliment herstellen, in der Konsistenz etwas dicker als das rote Poliment: 25 g weißen Bolus (5 g mehr als beim roten Poliment) mit 50 g Polimentleim mischen, erwärmen, sieben. Dieses weiße Poliment (= 75 g) mit 22 g Natronwasserglas mischen und sieben;
in Volumenteilen entspricht dies etwa 5 VT Poliment: 1 VT Natronwasserglas.
- Rotes Poliment herstellen: 20 g roten Bolus mit 50 g flüssigem Polimentleim mischen

Schwierigkeitsgrad / Dauer
Mittel / ca. 1 Stunde für einen Rahmen der Größe 70 x 100 cm (geübter Vergolder)

Arbeitsschritte
1) Kölner Leim zügig auftragen, dick stehen lassen
2) Auf den noch nicht ganz trockenen Kölner Leim das Gemisch aus weißem Poliment und Natronwasserglas auftragen
3) Auf diese Schicht, wenn noch nicht ganz trocken, das rote Poliment in einem Zug auftragen, möglichst dick stehen lassen
4) Gegebenenfalls zweite Schicht rotes Poliment auftragen

Karin Havlicek
Gollierstraße 13
80339 München
Tel. 089/54070661
Fax 089/54070659
karin.havlicek@gmx.de
www.rahmen-restaurierung-havlicek.de


cb

Im zweiten Teil unserer Serie zur Vergoldung lesen Sie in der nächsten Ausgabe über das Durchreiben von Glanzgold und die Mattvergoldung.

Fachbuch mit Tipps und Rezepten vom Profi


Das Buch „Vergolden mit Blattgold“ veranschaulicht detailliert das Thema Vergoldung. Autorin Karin Havlicek erklärt Schritt für Schritt und mit aussagekräftigen Abbildungen Techniken wie Poliment-, Mixtion- und Anlegevergoldung sowie Überzüge und einige technische Raritäten wie Mordentvergoldungen. Zu allen Verfahren gibt es ausführliche Beschreibungen und wertvolle Rezepte.

Gebunden, 192 Seiten, 49,95 EUR [D], 51,40 EUR [A], 84,90 CHF [CH]. Verlag: DVA Architektur, ISBN: 978-3-421-03713-8

Dr. Paul-Bernhard Eipper


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© Der Kunsthandel 2010