Handwerk

zurück zur Auswahl

 


Oberflächenbearbeitung im Zeitalter der Gotik
Von der Wirkung des Goldes

Die Zunft der Vergolder und Fassmaler erlebte im Zeitalter der Gotik eine Hochblüte, von der heute nicht nur zahlreiche Altarwerke zeugen, sondern auch frühe Exemplare der Rahmenkunst, die sich erhalten haben. In dieser Zeit gab es eine Vielzahl an unterschiedlichsten Techniken, mit denen die wertvollen Oberflächen bearbeitet wurden. Wir stellen Ihnen hier in einer Übersicht die wichtigsten vor.

Grundlage Vergoldungstechniken war das Arbeiten mit Kreidegrund, das im Hochmittelalter in die europäische Kunst Einzug hielt. Mit den neuen Möglichkeiten, die sich für die Kunsthandwerker jener Zeit ergaben, entstanden Altarwerke, die auch heute noch als kulturelle Prachtexemplare jener Zeit angesehen werden können und deren Techniken wir in erlesenen Rahmenwerken immer wieder bewundern. In ihrem Buch „Die Kunst zu vergolden“ schreiben J. Klinger und R. Thomas, dass das Auftragen oder Aufsetzen von Kreidegrund mit dem Pinsel eine seit der Romanik verwendete Technik sei. „Während malerische Aufsetzarbeiten, bei der die Pinselstruktur weitgehend erhalten bleibt, nur farbig gefasst oder vergoldet werden, kann der entstandene Reliefcharakter durch Glätten und Polieren zur höchsten Perfektion gebracht werden. Dieser so vorbereitete Untergrund wird meist zur Glanzvergoldung verwendet. Der Charakter dieser Aufsetzarbeit ähnelt bzw. imitiert Goldtreibarbeit. Das Aufsetzen von Kreidegrund ist in der italienischen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts […] zu finden.“

Pressbrokat – eine ausgestorbene Technik
Aus diesen Voraussetzungen heraus entwickelte sich die Vergoldertechnik nach zwei verschiedenen ästhetischen Vorbildern weiter. Zum einen ist es die in dem angeführten Zitat erwähnte Metallschmiedekunst, zum andern sind es textile Stoffe, wie sie damals in Mode waren, die den Vergoldern und Fassmalern als Vorbilder für ihre Kreationen dienten. Die letztere Technik, Pressbrokat, ist heute nahezu ausgestorben, kam aber im 14. und 15. Jahrhundert südlich und nördlich der Alpen bei der Dekoration von Tafelbildern, Holzskulpturen, Bilderrahmen und auch Möbeln zur Anwendung. Dieses Verfahren wurde entwickelt, um die Textur von Brokat und anderen wertvollen Stoffen zu imitieren.

Imitation von feinen Stoffen
Zum ersten Mal ist diese Technik im Tegernseer Manuskript erwähnt, was vermuten lässt, dass sie im Süddeutschen Raum erfunden wurde. Die Stoffe selbst kamen vorwiegend aus den italienischen Manufakturen. Aufgrund der bevorzugten Muster kann man, wie Christiane Stricker in ihrem Aufsatz „Die plastische Imitation von Brokatstoffen in der Fassmalerei“ nachweist, die Entstehungszeit der Arbeit beurteilen: „Im 14. Jahrhundert waren noch feine Seidenbrokate mit zierlichen Tier- und Pflanzenmotiven oder Medaillons in Mode. Doch allmählich setzten sich auch florale Ornamente großen Formats durch, die immer abstraktere Formen annahmen. Das Granatapfelmuster wird im 2. Viertel des 15. Jahrhunderts vorherrschend. In der Mitte des selbigen Jahrhunderts trägt man schwere Samtbrokate, deren massiges Material keine feine Motivzeichnung mehr zulässt.“

Gravieren und Verzieren
Im 14. Jahrhundert, auf das sich die Autorin dieses Textes bezieht, war die Vergoldertechnik noch sehr eng mit dem Malerhandwerk verbunden. Auf diese enge Beziehung ist zurückzuführen, dass in der Gotik weitere Techniken der Blattgoldbearbeitung entstanden, die sich bis heute bei den Bilderrahmen erhalten haben. Auf dem Kreidegrund waren verschiedene Gravierungen möglich, die dem Gold eine zusätzliche Note verliehen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung dieser Techniken ist auch die weitere Verdünnung der Blattgoldblättchen zu sehen, die mit der Entwicklung der künstlerischen Möglichkeiten einhergeht.
Hinzu kam in diesem Jahrhundert eine bis dahin nicht gekannte Entwicklungsvielfalt, verschiedene Maltechniken, Verzierungen und Verziertechniken wurden in großem Stil eingesetzt. Alle heute verwendeten Verziertechniken stammen im Prinzip aus der Gotik, schreiben Klinger und Thomas in ihrem Buch.

Vielfältige technische Möglichkeiten
Eine der vielen Techniken ist das Gravieren. Gravierungen erfolgen meist vor dem Vergolden. Sie werden in die hauptsächlich aus Bologneser Kreide bestehende Gravierung hineingeritzt und eignen sich hervorragend als Flächenmuster und Ornamente.
Unter Tremolieren versteht man zickzackförmige Gravierungen, die mit dem Flach oder Hohleisen in die Grundierung geschnitten werden. Zunächst dienten Brokatstoffe, wie beim Pressbrokat als Vorbilder für diese Muster. Später lösten sich diese Technik von diesem Vorbild ab und entwickelte unabhängige Muster. Im süddeutschen Raum gibt es verschiedene andere Ausdrücke für diese Technik. In Schaben zum Beispiel wird sie „stelzeln“ oder „wuggeln“genannt.
Beim Sandeln wird feiner Sand auf den mit verdünntem Leimwasser bestrichenen Rahmen aufgetragen. Erst nach der Trocknung erfolgt das Bestreichen mit Kreidegrund, auf den dann die Vergoldung aufgebracht wird.
Trassieren ist eine Technik, die vorwiegend im 14. Jahrhundert ausgeführt und später durch das Punzieren verdrängt wurde. Dabei werden Linien in die bereits aufgebrachte Vergoldung geritzt. Diese Technik funktioniert jedoch nur, so lange der Kreidegrund noch nicht fest ist.
Auch bei der Punzierung wird die abgeschlossene Vergoldung bearbeitet. Der Vergolder bedient sich dabei der Punziereisen, die es in unterschiedlichen Ausführungen gibt. Dabei erscheinen Punkt-, Ring- und Sternmuster, die es unter Umständen sogar möglich machen, historische Werke zu Datieren oder Werkstätten zuzuordnen. Ursprünglich diente diese Form der Lichtbrechung dazu, den Glanz der Oberflächen zu verstärken und so den Gesamteindruck der Vergoldung zu steigern.

or


zurück zur Auswahl

© Der Kunsthandel 2012