Handwerk

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Zeitgemäße Restaurierungstechniken, Teil 5
Ohne Knabenharn und Salmiakgeist

Noch mehr als die trockene erfordert die feuchte Reinigung detaillierte Kenntnisse, vor allem hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung der verwendeten Reinigungsmittel. Alte Hausmittel und Produkte aus der Textilreinigung haben hierbei nichts zu suchen.

Nein, es muss schon lange nicht mehr Knabenharn sein. Und auch vom Salmiakgeist haben sich glücklicherweise heutzutage die Restauratoren getrennt. Dennoch gibt es so manche kuriosen Mittelchen, mit denen sich die eine oder der andere gerne zu helfen weiß.
So teilte mir eine mitfühlende Restauratorin mit, sie wisse längst, dass jede feuchte Oberflächenreinigung eine Gemäldeoberfläche „auslauge“. Deshalb setze sie selbstverständlich nur selbsterprobte Körperpflegemittel wie z.B. „Eubos blau“ ein, das „rückfettende“ Eigenschaften habe. Unglücklicherweise übersah sie dabei, dass diese den Hautreinigungsmitteln zugesetzten Substanzen wie Fettsäuren, Fettalkohole, Lanolin, Lecithin, pflanzliche Öle, Partialglyceride und andere fettähnliche Substanzen nicht alterungsstabil sind. Außerdem können sie Ölfarbenoberflächen erweichen sowie verbräunen und eben nicht – wie bei der Körperpflege – am nächsten Tag wieder abgewaschen werden.

Vorsicht vor „Rei in der Tube“!

Auch hinter der gerne von ungelernten Restauratoren mit „Reinigung mit Fettalkoholsulfonat“ bezeichneten Maßnahme verbirgt sich zumeist eine Verwendung des dafür gänzlich ungeeigneten Zwischendurchwaschmittels „Rei in der Tube“. Es ist zwar heute bleichmittel-, seifen- und alkalifrei, enthält aber im Gegensatz zu den in den Restaurierungsberichten angegebenen anionischen Tensiden nur weniger als 15-30 % hiervon. Den weit größeren Teil des Präparats machen neben Wasser Phosphate, Schaumregulatoren, Parfümöle, Konservierungsmittel und sonstige Hilfsstoffe(Mikrobiozide, Verdicker) aus. „Rei“ stellt das leider wohl populärste zur Oberflächenreinigung von Gemälden eingesetzte Zwischendurchwaschmittel dar.
Die häufige Verwendung dieses Mittel geht auf Prof. Kurt Wehlte zurück. In seinem weitverbreiteten Buch „Werkstoffe und Techniken der Malerei“ empfiehlt er bedauerlicherweise die Waschpaste „Rei“ und das Spülmittel „Pril“, die er mit „Fettsulfonatalkohol“ gleichsetzt. Dazu bemerkte er: „Man kann davon getrost eine bedeutend höhere Konzentration verwenden als in der Gebrauchsanweisung auf den Packungen vorgeschrieben wird. Gleiche Mittel gibt es unter anderen Namen.“
Wehlte verkannte hierbei leider, dass der Anteil an anionischen und nichtionischen Tensiden dieser Produkte damals 35 % nicht überschritt. Die restlichen 65% stellten neben Wasser gefährliche Stoffe wie z.B. Gerüststoffe, Neutralsalze, Vergrauungs- und Korrosionsinhibitoren, Stabilisatoren, Füllstoffe, Mikrobioziode, Hydrotropica (Salze), Farbstoffe, Aktivatoren, Parfümöle und seltener auch Enzyme dar. Doerner, Wehltes Lehrer, hatte Jahrzehnte vorher schon vor solchen Methoden gewarnt.
Diesen immer noch vorherrschenden Irrtum zu beseitigen, ist sehr schwer, vor allem angesichts neuer, durchaus auch vorbildhafter Literatur, in der bedauerlicherweise noch in den letzten Jahren auf das Handwaschmittel „Rei“ für Gemäldeoberflächenreinigungen hingewiesen wird. Ich möchte betonen: Rei ist nachweislich für verschwitzte Kleidung und verschmutzte Wäsche geeignet, nicht aber für Werke der Bildenden Kunst – auch aufgrund seiner reichhaltigen Parfümkomponenten.
Mit „Mut zur Selbsthilfe“ hat das wenig zu tun, eher mit „mutwilliger Zerstörung“. Auftretende Spätschäden können nicht reklamiert werden, weil die Gewährleistungspflicht für ausgeführte Arbeiten – gemäß VOB, die leider auch für Dipl.-Restauratoren gilt – schon nach zwei Jahren erlischt.

Geeignetes Vorgehen

Unter Reinigung verstehen wir im Weiteren nicht Firnisabnahme, sondern die Entfernung von auf dem ungefirnissten oder gefirnissten Bild aufliegenden zumeist wasserlöslichen Schmutz. Interessant sind die Ergebnisse von Tests, die ich zusammen mit verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen, darunter die Medizinischen Hochschulen von Hannover und Lübeck und das Max Planck Institut für Metallforschung (Stuttgart), durchgeführt habe. Um ein geeignetes Reinigungsmittel zu ermitteln, erfolgten Oberflächenuntersuchungen an natürlich gealterter, historischer Schönfeld-Lukas-Ölfarbe mit ausgewählten Tensidlösungen.
Der den unbehandelten Proben aufliegende Schmutz wurde „abgedampft“, d.h. die Probenoberfläche wurde einer Reinigung mit Argonionen unterzogen. Danach konnte der Nachweis von Mikrorissen, die sich nur bei feucht gereinigten Oberflächen fanden, erbracht werden. Feuchte Reinigungen können also gefährlich und belastend für das Objekt sein und sollten genau erwogen werden.
Prinzipiell gilt: Öl-/Harz-Farben reagieren aufgrund ihrer zunehmenden Acidität empfindlicher auf wässrige Reinigungen, vor allem wenn sie mit demineralisiertem Wasser durchgeführt werden. Die Reinigung soll mit dem Duktus erfolgen, es sollen keine Wattestäbchen (vor allem keine Viskosefasern), sondern mikroporöse Schwämme (PVAc) verwendet werden, und es dürfen keine Papiertücher zum Nachtrocknen eingesetzt werden.
Bei ausreichender Haftung der Malschicht sollte zuerst eine Trockenreinigung mit Fehhaarpinseln erfolgen. Falls eine weitere trockene Reinigung mit Latexschwämmen nachfolgt, muss das Gemälde auf die Stärke des Spann- oder Keilrahmens unterlegt werden, damit die Leinwand nicht durch Druckausübung bei der Reinigung gedehnt wird. Ab einem Mindestalter der Farbe von ca.zehn Jahren kann dann eine Trockenreinigung mit Latexpulver oder -schwämmen, z.B. Akapad erfolgen (siehe vorhergehenden Artikel). Auf möglichst geringe Kontaktzeiten und Druckausübung ist zu achten.
Nach der Prüfung, ob eine feuchte Reinigung unabdingbar ist, folgt bei nicht ausblutenden Farben der Einsatz von Celluloseether (Methylcellulose oder Carboxymethylcellulose). Diese „Kleister-Pasten“ müssen dick sein, damit die Feuchtigkeit nicht bis zum Gewebe durchdringt und zur gefürchteten Leinwandschrumpfung mit Farbabsplitterung führt. Die Methylcellulosepaste in Kombination mit einem milden, wenig hygroskopischen, pH-neutralen, nicht vergilbenden, nichtionischen Tensid (z.B. Marlipal 1618/25 = Fettalkoholethoxylat, C16- C18) hat sich als die schonendste Variante erwiesen.
Eine Nachreinigung sollte vorzugsweise in nicht demineralisiertem Wasser erfolgen. Diese ist wichtig, da sonst Rückstände vor allem an Öl-/Harz-Farben haften bleiben.
Wenn diese Maßnahmen nicht greifen, sollte vor dem Einsatz eines stärker wirkenden Tensids die Kontaktzeit erhöht werden, dann die Temperatur angehoben werden und je nach Schmutzart der pH-Wert auf max. 6 abgesenkt bzw. auf max. 8 angehoben werden. Falls sich dann noch immer kein Reinigungserfolg einstellt, sollte erst der Einsatz stärkerer (z.B. anionischer) Tenside, jedoch nicht bei proteingebundenen Farben erwogen werden.

Dr. Paul-Bernhard Eipper

Dr. Paul-Bernhard Eipper ist Leiter des Referats Restauration am Universalmuseum Joanneum in Graz



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© Der Kunsthandel 2010