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Wasservergoldung
Ohne einen Schuss Alkohol geht es nicht

Den Begriff „Wasservergoldung“ sucht man in der einschlägigen deutschsprachigen Fachliteratur über Vergoldungstechniken vergeblich. Auch Fachleute, wie der Ludwigshafener
Vergoldermeister Werner Lauth, reagieren kopfschüttelnd auf diesen Begriff. Dennoch hat er sich im Sprachgebrauch unter Einrahmern bis heute gehalten, und die Technik bietet interessante Möglichkeiten.

Werner Lauth hat zwar schon von „Wasservergoldung“ gehört, vermutet allerdings, dass es sich dabei um einen Übersetzungsfehler handelt. Ein Beweis für seine These ist die Internetseite der Firma Giner Molduras (www.ginermolduras.com). Hier taucht der Begriff „Wasservergoldung“ als deutsche Übersetzung der spanischen Bezeichnung „dorado al aqua“ auf. Dies könnte die Quelle für diese Bezeichnung sein. Schaut man sich nämlich die dazugehörigen Fotos auf der erwähnten Seite an, wird deutlich, dass es sich bei der so bezeichneten Technik um die auch bei uns übliche Polimentvergoldung handelt.
In der deutschsprachigen Fachliteratur gibt es zwar die Bezeichnung „nasse“ Vergoldung. Damit ist aber etwas ganz anderes gemeint. Die „nasse“ Vergoldung „…ist auf Kupfer und seinen Legierungen sowie verkupfertem Stahl und Weißblechen anwendbar. Die Gegenstände werden in ein chemisches Bad getaucht, in dem Goldchlorid enthalten ist.“ So steht es in dem Buch „Die Kunst zu vergolden” von J. Klinger und R. Thomas. Ein solches Verfahren wendet man bei der Rahmenvergoldung natürlich nicht an.

Netze statt Wasser

Ein abermaliger Blick auf die Internetseite von Giner Molduras bestätigt die eingangs geäußerte Vermutung. Deutlich ist hier der rottönige Bolusgrund zu erkennen, auf den die Goldblättchen fachgerecht angeschossen werden. Der Verdacht liegt also nahe, dass das, was jenseits der Pyrenäen „Wasser“ ist, hierzulande mit „Netze“ bezeichnet wird. Die Netze besteht aus zwei Dritteln Wasser und einem Drittel Alkohol. Sie ist wesentlich bei der Polimentvergoldung und wird auf das Poliment aufgetragen, bevor das Blattgold angeschossen wird. In der Fachliteratur heißt es: „Die Netze dient zum An- bzw. Durchfeuchten des Poliments, um das Gold anschließend darauf zu binden. Die früher weit verbreitete Leimnetze wird heute bei Mattgoldüberzügen oder bei Versilberungen verwendet. Zur Glanzvergoldung wird heute ausschließlich Alkoholnetze eingesetzt, die aus destilliertem Wasser und Spiritus besteht.“ Doch wozu wird das Poliment mit Netze überzogen? Werner Lauth nennt mehrere Gründe, warum dies der Fall sein muss. Zum einen ist es der Glanz, der nur auf diese Weise erreicht werden kann. Das gelingt aber nur, wenn sich die Netze gleichmäßig verteilt. Reines Wasser neigt zur Tröpfchenbildung. Der Alkohol bewirkt unter anderem eine Entspannung der Wasseroberfläche. Darüber hinaus gibt es noch weitere Gründe, warum Feuchtigkeit für die Haltbarkeit des kostbaren Materials auf dem Untergrund unerlässlich ist. Werner Lauth zeigt dies anhand einer gerade begonnenen Rahmenvergoldung in seiner Werkstatt: „Das Poliment besteht ja aus Bolus und wird in unserem Fall mit Gelatine gebunden. Bolus ist ein in der Natur vorkommendes fettes Erdpigment und eignet sich vor allem wegen seiner besonderen Saugkraft als Untergrund für die feinen Goldblättchen. Zum Poliment wird Bolus durch die Mischung mit Gelatine, die hier die Funktion des Bindemittels übernimmt. Das Pigment wird warm aufgetragen. Man kann es bis zu einer Temperatur von 60 Grad Celsius erwärmen.“



Schichtförmige Grundierung

Aufgetragen wird das Poliment nicht unmittelbar auf das Holz, sondern auf die Grundierung, auf den Kreidegrund, der in der Regel aus drei Komponenten besteht, nämlich Champagnerkreide, Bologneser Kreide und China Clay. Gebunden wird diese Grundierung mit Hautleim. Die Grundierung ist schichtförmig aufgebaut. Ihre Stärke richtet sich nach den verschiedenen Anforderungen, zum Beispiel danach, ob zusätzliche Verzierungen auf den Rahmen kommen oder ob Gravuren aufgetragen werden. Manche Zierformen werden ins Poliment eingraviert und dürfen die Grundierung nicht beschädigen.
Nachdem das Poliment aufgetragen ist, dient die Netze dazu, „das darin vorhandene Bindemittel zu reaktivieren und somit dem Blattgold eine Haftgrundlage zu schaffen. Beim Abziehen der Netze in den Untergrund werden außerdem Adhäsionskräfte wirksam, die das Gold zusätzlich auf dem Poliment festhalten. In diesem ungewöhnlichen Haftungsprinzip dokumentiert sich die eigentliche handwerkstechnische Sonderstellung der Polimentvergoldung“, so schreibt Hans Kellner in seinem Buch “Vergolden. Das Arbeiten mit Blattgold”.

Kalkreste vermeiden

Adhäsion ist die molekulare Wechselwirkung zweier Komponenten im Grenzbereich. Hierbei entstehen starke Anziehungskräfte, die es später ermöglichen, das hauchfeine Blattgold optimal zu glätten. Nicht durch Leim, allein durch die Feuchtigkeit wird eine solche Kraft aktiviert. Selbstverständlich wird bei der Netze destilliertes Wasser verwendet. Die kleinsten Kalkreste im Wasser würden sich nämlich im hauchdünnen Blattgold bemerkbar machen. Und warum darf in dieser Lösung der Alkohol nicht fehlen? Weil Wasser und Alkohol in diesem Zusammenhang zwei gegensätzliche Reaktionen bewirken: „Grundsätzlich ist zu beachten“, so Kellner weiter, „dass ein zu großer Wasserüberschuss das Poliment beim Netzen auflöst, ein zu hoher Alkoholanteil dagegen den Untergrund nicht ausreichend anquillt“.
Weil Alkohol und destilliertes Wasser wechselseitig gegensätzliche Reaktionen bedingen, kommt es auf die Mischung an. Zum Alkohol selbst ist anzumerken, dass in der Regel denaturierter Alkohol verwendet wird. Es ist aber auch möglich, ca. 40-prozentigen Branntwein zu benutzen, der dann etwa zu einem Viertel mit Wasser verdünnt wird. In diesem Falle spricht man dann von Branntwein- oder Schnapsvergoldung.

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