Handwerk

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Zeitgemäße Restaurierungstechniken – Teil 2
Damit zusammenklebt, was zusammengehört

Trotz bekannter, geeigneter Methoden werden bis heute noch immer Risse und Löcher von Gemäldeträgergeweben durch Aufkleben von Pflastern, Leinen- oder Baumwollflicken oder Gazegewebe „behoben“. Manchmal geschieht dies sogar durch die Doublierung des gesamten geschädigten Trägergewebes . Dies alles lässt sich zwar schnell ausführen, führt aber – auf Dauer gesehen – zu starken Beeinträchtigungen und Veränderungen des Gemäldegefüges.

Einmal erhielt ich ein durchstoßenes Gemälde zur Begutachtung. Der Kunde sagte mir, ein „Restaurator“ hätte ihm empfohlen, den Riss durch Abtrennen der beschädigten Partie zu entfernen(!). Nun wollte er dies nicht, da dem Familienbild so der geachtete Vater abhanden gekommen wäre. Ob „Leukoplast“ da nicht die bessere Alternative wäre? Nun, glücklicherweise kann man heute dem drohenden „Vaterverlust“ auch anders entgegenwirken.
Denn mit den Techniken der Rissverklebung bzw. -verschweißung stehen geeignete Methoden zur Verfügung. Die Rissverklebung unterscheidet sich von der Rissverschweißung durch den fehlenden gezielten Einsatz von Wärme, beispielsweise mit einer im unteren Bereich temperierbaren Lötnadel. Die Rissverklebung wird zumeist bei glatten Schnitten in Gemäldeleinwänden angewendet.
Bei komplizierteren Beschädigungen, etwa nach dem Sturz des Bildes von der Aufhängung auf einen darunter stehenden Gegenstand, greift man in der Regel zur Rissverschweißung – eine der häufigsten Restaurierungstechniken. Dabei ist sie nicht neu: Über auf die Schadstelle begrenzte Eingriffe berichtet Kudriawzew schon 1945. Bis heute wurde diese Technik modifiziert und verschiedene Klebemittel wie Fischleim, Wachse, Harze, Polyvinylacetat (PVAC), Paraloid B 72, Beva 371 Polyurethanklebstoffe, Epoxidharze, Silikonkleber, Acrylate, Polyamidtextilschweißpulver und Störleim eingesetzt.
Nachdem das Planieren des Risses erfolgt ist, sollten zerfaserte Fäden mit Methylcellulose neu verdrillt werden. Nach dem Ordnen und Fixieren der Fäden folgt der punktuelle Kleberauftrag mit (Insekten-)Nadeln oder Zahnarztsonden auf die kurz darauf zu verschweißenden bzw. zu verklebenden Fäden. Eine überlappende Verschweißung der Fäden bewährt sich gegenüber einer Verschweißung auf Stoß.
Die Rissverschweißung ist der Rissverklebung an Festigkeit überlegen und widersteht höheren Zugbelastungen. Falls mit PVAC-Dispersionen als Klebemittel gearbeitet wird, ist der Gebrauch einer zwischen 60 und 250°C temperierbaren Lötnadel, eingestellt auf 80 bis 100°C, allgemein üblich. Anschließend wird die behandelte Stelle beschwert. Daran schließt sich meistens eine Überbrückung mit Leinwand-, Polyester- oder Polyamidfäden an, welche mit demselben Klebemittel oder mit Beva 371 beschichtet sind.

Problematische Harze

Bei durchstoßenen, wachsdoublierten Leinwandgemälden werden oft Epoxidharze eingesetzt. Doch deren Verwendung bringt auch eine Reihe von gravierenden Nachteile mit sich. Diese liegen, je nach Zusammensetzung und Modifikation der Epoxidharze, in ihrem Schrumpfen bei der Aushärtung, ihrer fehlenden Reversibilität, ihrer Vergilbung, Versprödung (Oxidation) und Starrheit. Sie reagieren stark polar und sind basisch. Es sind Zwei-Komponenten-Systeme mit Diethylentriamin oder Triethylentetraamin als Aminhärter, Weichmachern und Füllstoffen (z.B. Kieselgel).
Ihre exakte Mischung ist Voraussetzung für ein vollständiges Reagieren der Komponenten. Sonst bleiben nicht reagierte Komponenten zurück, die mit der Feuchtigkeit des Objektes reagieren. Eine Wärmehärtung verbessert allerdings ihre Eigenschaften. Ihre Stabilität gegenüber Lösungsmitteln kann im Falle einer Behandlung des Gemäldes mit solchen auch erwünscht sein. Epoxide lassen sich mit Monochloressigsäure, Dimethylformamid, Tetrahydrofuran, Pyridin und Chloroform, heißer Ameisen- und Essigsäure und mit einem Wasser-Aceton-Gemisch (1:1) anquellen und danach entfernen, wobei das Gemäldegefüge diesem Vorgehen Grenzen setzt.
Ein Manko von Epoxidharzen ist zudem ihre Toxizität, die unbedingt Schutzmaßnahmen erfordert. Die Harzkomponente wird aus Bisphenol A und Epichlorhydrin hergestellt. Bisphenol A wird als endokriner Disruptor verdächtigt; Epichlorhydrin ist giftig und krebserzeugend im Tierversuch. Der direkte Hautkontakt ist noch weitaus schädlicher als eine Aufnahme über die Atemwege (durch z. B. ungenügende Belüftung). Die Härterkomponente enthält außerdem üblicherweise Amine, die ätzend sind und ebenfalls Allergien auslösen können.
Zum Hautschutz eignen sich ausschließlich spezielle Nitril- oder Butyl-Handschuhe. Ungeeignet sind dünne Einweghandschuhe unabhängig vom Material, beispielsweise Latex, Vinyl und selbst Nitril. Die allergenen Stoffe durchdringen diese Handschuhe auch ohne Beschädigung innerhalb weniger Minuten, während der Eigenschutz der Haut durch Schwitzen bei fehlender Belüftung geschwächt wird. Hautschutzsalben bieten ebenfalls keinen akzeptablen Schutz. Unter Umständen kann zusätzlich das Tragen eines Schutzanzugs notwendig sein.

Besser: PVAC

Besser als Epoxidharze, alte „Hausmittel“ oder sonstige Kleber haben sich Polyvinylacetate in den letzten Jahren erwiesen. Ihrer hohen Klebekraft wegen sind sie für die Rissverschweißung und Rissverklebung gleichermaßen sehr geeignet und somit die am häufigsten verwendeten Klebemittel, vor allem für großformatige Gemälde. Nur bei ungünstigen Klimaverhältnissen wie sehr hoher relativer Luftfeuchtigkeit über lange Zeiträume sollte man von ihrer Verwendung absehen.
Doch Vorsicht: Hinter dem Oberbegriff „PVAC“ verbergen sich oft gänzlich ungeeignete, aber doch häufig verwendete Holzleime wie „Ponal“, auch als „Weißleim“ oder „Kaltleim“ bezeichnet. Dieser besteht aus billigen, spröden homopolymeren Polyvinylacetaten, denen neben 2 bis 6 % Kreide bis zu 2 % des zurecht gefürchteten Weichmachers Butyldiglykolacetat zugesetzt ist.
Beim Kauf sollte man daher unbedingt nachfragen, welches Polyvinylacetat in welchen Mischungen zur Anwendung kommen soll. Denn meist verbirgt sich hinter solchen Angaben nur ein Fertigprodukt aus der Industrie. Schnell scheidet sich dann die Spreu vom Weizen. Beachtet werden sollte, dass bei einer fachmännischen Rissverschweißung Klebemitteln verwendet werden, deren Wasseranteil am Ort ihres späteren Verbleibs mit einer heißen Lötnadel verdunstet wird.

KLEINES CHEMIELEXIKON

Homopolymere PVAC-Dispersionen haben hohe Zugfestigkeit, Härte und geringe Flexibilität.

Copolymere PVAC-Dispersionen können aus verschiedenen homopolymeren Sorten durch Einbau von z. B. Ethen (Ethylen), Acrylsäureester, Vinylester, langkettiger Fettsäuren u. a. Hergestellt werden. Hierdurch lassen sich die Eigenschaften des Vinylacetates je nach Erfordernissen modifizieren. Copolymerisate sind durch den Einbau beispielsweise von Ethylen immer weicher als Homopoly-
merisate. Dadurch weisen sie eine geringere Zugfestigkeit und Härte, aber eine deutlich höhere Flexibilität als Homopolymere auf.
Verdünnung: PVAC-Dispersionen sind z. B. für die Rissverschweißung meistens zu hochviskos und müssen mit destilliertem oder deionisiertem Wasser verdünnt werden. Dies ist nur bis zu einem bestimmten Verhältnis möglich, da sich dann die Dispersion entmischt. Verdünnte Dispersionen sind nur über einen bestimmten Zeitraum stabil, da sie sich entmischen. Neutralisation: Viele Dispersionen haben einen zu niedrigen pH-Wert. Sie müssen gepuffert werden und sind dann wegen eintretender Entmischung nur kurz verwertbar. Die Neutralisation erfolgt am besten nach der Verdünnung. Die pH-Werte können am besten mit Ammoniak angehoben und mit Ameisensäure oder Schwefelsäure gesenkt werden. Die Neutralisation schränkt die Verwertbarkeit der flüssigen Dispersion auf maximal ein halbes Jahr ein und verkürzt die Langlebigkeit des getrockneten Films.

Von der Industrie werden homo-, co- und terpolymere, ethylenhaltige und -freie PVAC-Dispersionen auf wässeriger Basis angeboten. Wässrige PVAC-Dispersionen sind farblos oder leicht weißlich, bleiben im Allgemeinen nach der Trocknung während der Alterung lösbar und zeichnen sich durch eine geringe Tendenz zur Vergilbung aus.
Die durch die Emulsionspolymerisation gewonnenen Polymerisate sind im Polymerisations-grad uneinheitlich. Dieser gibt die Anzahl von Grundmolekülen an, die ein Makromolekül aufbauen. Da die meisten Polymere Gemische von Makromolekülen verschiedener Kettenlängen darstellen, schwankt der Polymerisationsgrad meist um einen Mittelwert. Dieser bestimmt viele der typischen Eigenschaften des Klebers wie z. B. Zugfestigkeit, Dehnung, Knickbruchfestigkeit, Viskosität sowie Quell- und Lösungseigenschaften.
Im Prinzip unterliegen alle Thermoplaste, also auch jede PVAC-Dispersion, im Übergangsbereich mehr oder weniger dem kalten Fluss, d. h. im erhärtetem Zustand verändern sie – vor allem unter mechanischer Belastung – ihre Form. Für die Konservierung müssen deshalb PVAC-Dispersionen mit möglichst geringem kalten Fluss ausgewählt werden.

Vorsicht bei Fertigprodukten

Viele PVAC-Dispersionen werden bei der Herstellung schon auf ihre spätere Verwendung hinkonfektioniert. Von Restauratoren werden diese leicht zu erwerbenden Fertigprodukte (Holzleime u.a.) gerne eingesetzt. Sie sollten jedoch nicht verwendet werden, da sie eine Vielzahl von Additiven enthalten, welche für konservatorische Zwecke völlig ungeeignet sind. Es sind diese: Schutzkolloide, oberflächenaktive Substanzen, Filmbildehilfsmittel, Puffer, Weichmacher, Lösungsmittel, Farbstoffe, Antioxidantien, Füllstoffe, Mikrobiozide, Entschäumungsmittel, Antistatica und Verstärker.
Die genaue Zusammensetzung von Dispersionen wird vom Hersteller geheim gehalten. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die handelsüblichen Holzleime aus homopolymeren Sorten hergestellt werden. Diesen wird statt eines teuren Copolymers ein Weichmacher zugesetzt. Die Additive werden den Produkten zugegeben, um ein ideales Fertigprodukt für spezifische Anforderungen zu erhalten und nicht um ein konservatorischen Ansprüchen genügendes Produkt herzustellen. Bei der Verdunstung des Wassers summieren sich die einzelnen Bestandteile hoch. In der Fachliteratur wird vor nichtflüchtigen Puffern gewarnt, die der PVAC-Dispersion zugesetzt sind. Sie können bei erhöhter relativer Luftfeuchte das umgebende Material schädigen
Von den reinen Sorten, die beispielsweise Wacker und Hoechst-Nachfolger Celanese anbieten, wurden für restauratorische Anforderungen am textilen Bildträger geeignete ermittelt und verschiedenen Tests unterzogen. Aufgrund ihrer hohen Eignung werden diese (Wacker Vinac und die ihnen entsprechenden Celanese-Mowilith-Sorten) von einigen Restaurierungsexperten ausschließlich eingesetzt.

Dr. Paul-Bernhard Eipper

Im dritten Teil unserer Serie in der nächsten Ausgabe können Sie einer spannenden Bildrestaurierung Schritt für Schritt folgen.

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